Gestern Abend sind wir mit dem Zug in Belgrad angekommen, und während Michael sich am Bahnhof um die Zugtickets nach Hamburg kümmert und sich eine Kunstgalerie und das Parlamentsgebäude anschaut, habe ich Zeit mich von den letzten Tagen zu erholen und einen ausführlichen Bericht über Tirana und Skopje zu schreiben.
Warum man seine Reisepläne ändert, um nach Albanien zu fahren, ist sicher nicht gleich einleuchtend. Der geografischen Lage Albaniens nach sind wir davon ausgegangen, dass wir nach einem kurzen Zwischenstopp in Tirana leicht Richtung Westen weiterreisen können. In Albanien mussten wir dann allerdings feststellen, dass dem nicht so ist. Von Tirana aus kommt man nirgendwo schnell hin, schon gar nicht Richtung Westen. Somit ging es dann von Tirana erst mal wieder in Richtung Osten, in die mazedonische Hauptstadt Skopje, bevor wir gestern von Skopje nach Belgrad gekommen sind.
Zur Vorbereitung auf Albanien haben wir dann auch einzig die Reisehinweise des Auswärtigen Amtes gelesen, und die lesen sich wie ein Abenteuerroman. Es wird einem z.B. dringend davon abgeraten, in Albanien in größerem Maße medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Außerdem sollte man immer vor Anbruch der Dunkelheit sein Reiseziel erreicht haben und nachts nicht selber Auto fahren. Das deutsche Vorurteil, dass halb Albanien in der Bandenkriminalität tätig sei und Besucher daher in Gefahr wären, wird auf der Seite des Auswärtigen Amts allerdings in deutlichem Ton negiert.
Tja, aber was sind nun unsere Eindrücke von Albanien und Tirana? Also, dass der Straßenverkehr mehr als chaotisch ist, stimmt wohl. Ampeln sind mehr so ein lockerer Vorschlag des Verkehrsministeriums und Zebrastreifen sind ein frommer Wunsch, dass doch vielleicht jemand anhalten möge. Überhaupt sind viele Fußgängerampeln in Tirana kaputt, und es geht entweder noch das rote oder das grüne Licht. Brennt an der Ampel also gerade kein Licht, muss man raten, ob wohl gerade grün oder rot ist. Im Vergleich zum deutschen Straßenverkehr muss die Menge an Verkehrsteilnehmern noch um einige Esel und verschiedene Arten von Karren erweitert werden (z.B. Motorräder, die statt des Vorderrads einen „Ahnänger“ vor sich herschieben). Tagsüber ist in der Hauptstadt Tirana trotzdem Laufen die cleverste Lösung, denn sämtliche Straßen sind hoffnungslos verstopft, was übrigens zu einem nicht zu vernachlässigenden Smog führt, der über der Stadt hängt.
Albanien hat zudem ein riesiges Umweltproblem. Man kann mitten in Natur am abgelegensten Ort in Albanien stehen, und wird trotzdem eine Menge Plastikmüll um einem herum liegen sehen.
Während wir durch Tirana gelaufen sind, fielen mir immer wieder viele Männer zwischen 40 und 60 Jahren auf, die, wie es mir schien, denn ganzen Tag am Straßenrand saßen, und so fragte ich unseren ziemlich entspannten Hostelbesitzer, wie hoch denn die Arbeitslosigkeit in Albanien so sei. Seine Antwort war folgende: Offiziell sind es 14%, aber von der albanischen Sozialhilfe kann man auf gar keinen Fall leben und so verdient sich jeder etwas dazu. Auf der anderen Seite müsse man aber auch sehen, dass der Großteil der ländlichen Bevölkerung gar nicht als arbeitend oder nichtarbeitend erfasst wird und es hier wohl noch mal eine große Dunkelziffer an Leuten gibt, die von ihrer Arbeit und ohne Unterstützung von anderen nicht mehr leben können.
Und so gibt sich auch das Stadtbild von Tirana eher sehr arm. Eine Altstadt gibt es nicht. Es ist lediglich ein großer Platz mit einer Statue des Nationalhelden Skenderbeg vorhanden. Von dort aus geht es dann aber auch gleich in Wohngebiete mit u.a. bewohnten Rohbauten und zerfallenden Häusern.
Trotz der großen Armut in Tirana fällt auf, dass, wer sich ein Auto leisten kann, auch gleich einen Mercedes fährt. Wir haben noch nie so viele Mercedes gesehen wie in Albanien!
Ziemlich viele der Busse in Tirana kommen auch aus Deutschland. Ihr angeschlagenes Fahrziel ist meist: „Leerfahrt. Bitte nicht einsteigen!“ Einige Zapfsäulen an den Tankstellen kommen aus Italien und der Preis ist in Euro einprogrammiert, wobei man sich den Kommapunkt wegdenken und als Betrag in albanischen Lek verstehen muss.
Die Wirtschaft Albaniens ist übrigens in den 90er Jahren mal gründlich zusammengebrochen, weil viele Unternehmer auf ein Schneeballsystem reingefallen sind!
Während wir uns an unserem ersten Tag in Tirana also die Stadt anschauten, machten wir am zweiten Tag einen Ausflug auf einen Berg, von dem man gut auf Tirana herunter schauen konnte. Nachdem wir mit einer sehr modernen Seilbahn (von österreichischen und schweizerischen Firmen gebaut, wie alle Seilbahnen, die wir auf dem Balkan gesehen haben) hinaufgefahren sind, gab es einen kurzen Spaziergang durch den Wald, bei dem jede Menge Verteidigungsbunker vom letzten Diktator zu bestaunen waren. Schließlich haben wir mit einem netten Ausblick etwas gegessen.
Am nächsten Tag ging es dann in der schon beschriebenen Fahrt nach Mazedonien weiter. Mazedonien kann uns im Gegensatz zu Albanien viel reicher vor. Es gab auf unsere Fahrt jede Menge (fertiggebaute!!) mehrstöckige Häuser, die allerdings nur Leuten gehörten, die in Deutschland oder Amerika arbeiteten, wie man uns erklärte. In einem späteren Gespräch mit einem jungen Mazedonier wurde uns erzählt, dass es in Mazedonien kaum Wirtschaft gebe, die Arbeitslosenrate läge bei unfassbaren 34%, und wenn man wirklich arbeiten wolle, müsse man schon ins Ausland gehen.
Die Umweltverschmutzung hat sich in Mazedonien allerdings gegenüber Albanien nicht verbessert. Auch hier scheint man davon auszugehen, dass Plastik kompostierbar ist. Der Smog ist über Skopje genauso stark wie über Tirana.
Skopje hat allerdings im Gegensatz zu Tirana eine (sogar relativ schöne) Altstadt. Und diese haben wir mit drei Religionswissenschaftlerinnen aus Bayreuth zwei Tage lang erkundet. Die Drei hatten ein äußerst straffes Programm und jede Menge Wikipediaausdrucke mit den passenden Informationen.
Richtig stolz ist man Mazedonien übrigens auf Alexander den Großen, den man hier dann auch gleich Alexander Makedonski nennt (was die praktisch nicht existenten Beziehungen mit Griechenland nochmals verschlechtert), und dem man erst jüngst ein neun Millionen Euro schweres Denkmal gesetzt hat.
Unsere Tage in Skopje waren mit mexikanischem Essen, Cocktails und zwei antiken Deutsch-Serbokroatisch-Wörterbüchern für Michael sehr entspannt.
Unser Urlaub geht nun so langsam zu Ende! Übermorgen Abend wollen wir wieder in Hamburg sein.
Was uns in allen Ländern aufgefallen ist, ist dass man als Westeuropäer unweigerlich als reiche Personen verstanden wird.
Dies wird zum einen an den vielen bettelnden Kinder klar, die uns in allen Ländern begegnet sind. Egal ob das die Jungs in der türkischen Kleinstadt sind, die „Money, money!“ haben wollen, oder das Mädchen vor dem Supermarkt in Athen, das uns mit großen traurigen Augen anschaut und die Hand aufhält, oder ob es die Kinder aus Skopje sind, die auf der Straße spielen und, wenn wir vorbeikommen, ebenfalls Geld wollen. Wir haben uns an den Ratschlag aus unserem Reiseführer für die Türkei gehalten und nie einem Kind etwas gegeben, jedenfalls nicht, ohne wenigstens eine kleine Dienstleistung entgegenzunehmen (in der Türkei z.B. eine kalte Flasche Wasser). Zu gerne hätten wir diesen Kindern gesagt, dass sie zur Schule gehen müssen, aber natürlich ist das nicht möglich, denn über die Sprachbarriere hinweg führt nur das englische Wort „Money“. Außerdem sind solche frommen Ratschläge dann sinnlos, wenn das „Einkommen“ des Kindes zum Überleben der Familie benötigt wird oder der Schulbesuch selbst für die Familie nicht zu bezahlen ist – was offenbar lange nicht bei allen Kindern der Fall war, sondern wir auch beim Spielen „nebenbei“ angesprochen wurden.
Zum anderen haben wir in der Türkei immer höhere Preise als die Einheimischen bezahlt und höchstens mal in Begleitung eines Türken die „local rate“ bekommen. Dies ist natürlich heute zum allergrößten Teil der Tatsache geschuldet, dass man es mit Touristen einfach machen kann. Man sieht uns eben an, dass wir aus einem reichen Land kommen. Michael ist auch der Ansicht, dass dies keinesfalls eine blanke Unverschämtheit darstellt, sondern dass Preise für Dienstleistungen, die über dem üblichen Niveau eines Landes liegen, für Besucher aus einem (sehr) reichen Land (wie Deutschland) angemessen sind.
Warum dieses Geschäftsverhalten auch aus traditioneller türkischer Sicht übrigens keinesfalls unverschämt ist, kann man sehr gut in unserem Reiseführer „Kulturschock Türkei“ von Manfred Ferner nachlesen. Übrigens ein sehr gutes Buch, das man auch gut lesen kann, wenn man nicht vorhat, in die Türkei zu fahren. Vielleicht versteht man dann besser, warum die türkischen Familien zwei Straßen weiter in einer ganz anderem Welt zu leben scheinen, und dass sie doch einfach zu verstehen sein können.























