Tirana, Skopje und ein paar Gedanken

12 09 2011

Gestern Abend sind wir mit dem Zug in Belgrad angekommen, und während Michael sich am Bahnhof um die Zugtickets nach Hamburg kümmert und sich eine Kunstgalerie und das Parlamentsgebäude anschaut, habe ich Zeit mich von den letzten Tagen zu erholen und einen ausführlichen Bericht über Tirana und Skopje zu schreiben.

Blick aus der rotierenden "Sky Bar" in einem der größeren Bürogebäude in Tirana

Warum man seine Reisepläne ändert, um nach Albanien zu fahren, ist sicher nicht gleich einleuchtend. Der geografischen Lage Albaniens nach sind wir davon ausgegangen, dass wir nach einem kurzen Zwischenstopp in Tirana leicht Richtung Westen weiterreisen können. In Albanien mussten wir dann allerdings feststellen, dass dem nicht so ist. Von Tirana aus kommt man nirgendwo schnell hin, schon gar nicht Richtung Westen. Somit ging es dann von Tirana erst mal wieder in Richtung Osten, in die mazedonische Hauptstadt Skopje, bevor wir gestern von Skopje nach Belgrad gekommen sind.

Zur Vorbereitung auf Albanien haben wir dann auch einzig die Reisehinweise des Auswärtigen Amtes gelesen, und die lesen sich wie ein Abenteuerroman. Es wird einem z.B. dringend davon abgeraten, in Albanien in größerem Maße medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Außerdem sollte man immer vor Anbruch der Dunkelheit sein Reiseziel erreicht haben und nachts nicht selber Auto fahren. Das deutsche Vorurteil, dass halb Albanien in der Bandenkriminalität tätig sei und Besucher daher in Gefahr wären, wird auf der Seite des Auswärtigen Amts allerdings in deutlichem Ton negiert.

Ein Brautmodengeschäft in einem alten Wohnhaus nahe des Zentrums von Tirana

Tja, aber was sind nun unsere Eindrücke von Albanien und Tirana? Also, dass der Straßenverkehr mehr als chaotisch ist, stimmt wohl. Ampeln sind mehr so ein lockerer Vorschlag des Verkehrsministeriums und Zebrastreifen sind ein frommer Wunsch, dass doch vielleicht jemand anhalten möge. Überhaupt sind viele Fußgängerampeln in Tirana kaputt, und es geht entweder noch das rote oder das grüne Licht. Brennt an der Ampel also gerade kein Licht, muss man raten, ob wohl gerade grün oder rot ist. Im Vergleich zum deutschen Straßenverkehr muss die Menge an Verkehrsteilnehmern noch um einige Esel und verschiedene Arten von Karren erweitert werden (z.B. Motorräder, die statt des Vorderrads einen „Ahnänger“ vor sich herschieben). Tagsüber ist in der Hauptstadt Tirana trotzdem Laufen die cleverste Lösung, denn sämtliche Straßen sind hoffnungslos verstopft, was übrigens zu einem nicht zu vernachlässigenden Smog führt, der über der Stadt hängt.

Albanien hat zudem ein riesiges Umweltproblem. Man kann mitten in Natur am abgelegensten Ort in Albanien stehen, und wird trotzdem eine Menge Plastikmüll um einem herum liegen sehen.

Das ehemalige Mausoleum des Diktatos Envar Hoxha

Während wir durch Tirana gelaufen sind, fielen mir immer wieder viele Männer zwischen 40 und 60 Jahren auf, die, wie es mir schien, denn ganzen Tag am Straßenrand saßen, und so fragte ich unseren ziemlich entspannten Hostelbesitzer, wie hoch denn die Arbeitslosigkeit in Albanien so sei. Seine Antwort war folgende: Offiziell sind es 14%, aber von der albanischen Sozialhilfe kann man auf gar keinen Fall leben und so verdient sich jeder etwas dazu. Auf der anderen Seite müsse man aber auch sehen, dass der Großteil der ländlichen Bevölkerung gar nicht als arbeitend oder nichtarbeitend erfasst wird und es hier wohl noch mal eine große Dunkelziffer an Leuten gibt, die von ihrer Arbeit und ohne Unterstützung von anderen nicht mehr leben können.

Typische Bunker, hier auf einem Berg über Tirana

Und so gibt sich auch das Stadtbild von Tirana eher sehr arm. Eine Altstadt gibt es nicht. Es ist lediglich ein großer Platz mit einer Statue des Nationalhelden Skenderbeg vorhanden. Von dort aus geht es dann aber auch gleich in Wohngebiete mit u.a. bewohnten Rohbauten und zerfallenden Häusern.

Trotz der großen Armut in Tirana fällt auf, dass, wer sich ein Auto leisten kann, auch gleich einen Mercedes fährt. Wir haben noch nie so viele Mercedes gesehen wie in Albanien!

Ziemlich viele der Busse in Tirana kommen auch aus Deutschland. Ihr angeschlagenes Fahrziel ist meist: „Leerfahrt. Bitte nicht einsteigen!“ Einige Zapfsäulen an den Tankstellen kommen aus Italien und der Preis ist in Euro einprogrammiert, wobei man sich den Kommapunkt wegdenken und als Betrag in albanischen Lek verstehen muss.

Die Wirtschaft Albaniens ist übrigens in den 90er Jahren mal gründlich zusammengebrochen, weil viele Unternehmer auf ein Schneeballsystem reingefallen sind!

Während wir uns an unserem ersten Tag in Tirana also die Stadt anschauten, machten wir am zweiten Tag einen Ausflug auf einen Berg, von dem man gut auf Tirana herunter schauen konnte. Nachdem wir mit einer sehr modernen Seilbahn (von österreichischen und schweizerischen Firmen gebaut, wie alle Seilbahnen, die wir auf dem Balkan gesehen haben) hinaufgefahren sind, gab es einen kurzen Spaziergang durch den Wald, bei dem jede Menge Verteidigungsbunker vom letzten Diktator zu bestaunen waren. Schließlich haben wir mit einem netten Ausblick etwas gegessen.

Das neue Monument für einen Mann, der seit 2.300 Jahren tot ist.

Am nächsten Tag ging es dann in der schon beschriebenen Fahrt nach Mazedonien weiter. Mazedonien kann uns im Gegensatz zu Albanien viel reicher vor. Es gab auf unsere Fahrt jede Menge (fertiggebaute!!) mehrstöckige Häuser, die allerdings nur Leuten gehörten, die in Deutschland oder Amerika arbeiteten, wie man uns erklärte. In einem späteren Gespräch mit einem jungen Mazedonier wurde uns erzählt, dass es in Mazedonien kaum Wirtschaft gebe, die Arbeitslosenrate läge bei unfassbaren 34%, und wenn man wirklich arbeiten wolle, müsse man schon ins Ausland gehen.

Die Umweltverschmutzung hat sich in Mazedonien allerdings gegenüber Albanien nicht verbessert. Auch hier scheint man davon auszugehen, dass Plastik kompostierbar ist. Der Smog ist über Skopje genauso stark wie über Tirana.

Skopje hat allerdings im Gegensatz zu Tirana eine (sogar relativ schöne) Altstadt. Und diese haben wir mit drei Religionswissenschaftlerinnen aus Bayreuth zwei Tage lang erkundet. Die Drei hatten ein äußerst straffes Programm und jede Menge Wikipediaausdrucke mit den passenden Informationen.

Richtig stolz ist man Mazedonien übrigens auf Alexander den Großen, den man hier dann auch gleich Alexander Makedonski nennt (was die praktisch nicht existenten Beziehungen mit Griechenland nochmals verschlechtert), und dem man erst jüngst ein neun Millionen Euro schweres Denkmal gesetzt hat.

Brotzeit, nur besser, mit dem Mädels im Hof einer albanischen Moschee in Skopje.

Unsere Tage in Skopje waren mit mexikanischem Essen, Cocktails und zwei antiken Deutsch-Serbokroatisch-Wörterbüchern für Michael sehr entspannt.

Unser Urlaub geht nun so langsam zu Ende! Übermorgen Abend wollen wir wieder in Hamburg sein.

Was uns in allen Ländern aufgefallen ist, ist dass man als Westeuropäer unweigerlich als reiche Personen verstanden wird.

Dies wird zum einen an den vielen bettelnden Kinder klar, die uns in allen Ländern begegnet sind. Egal ob das die Jungs in der türkischen Kleinstadt sind, die „Money, money!“ haben wollen, oder das Mädchen vor dem Supermarkt in Athen, das uns mit großen traurigen Augen anschaut und die Hand aufhält, oder ob es die Kinder aus Skopje sind, die auf der Straße spielen und, wenn wir vorbeikommen, ebenfalls Geld wollen. Wir haben uns an den Ratschlag aus unserem Reiseführer für die Türkei gehalten und nie einem Kind etwas gegeben, jedenfalls nicht, ohne wenigstens eine kleine Dienstleistung entgegenzunehmen (in der Türkei z.B. eine kalte Flasche Wasser). Zu gerne hätten wir diesen Kindern gesagt, dass sie zur Schule gehen müssen, aber natürlich ist das nicht möglich, denn über die Sprachbarriere hinweg führt nur das englische Wort „Money“. Außerdem sind solche frommen Ratschläge dann sinnlos, wenn das „Einkommen“ des Kindes zum Überleben der Familie benötigt wird oder der Schulbesuch selbst für die Familie nicht zu bezahlen ist – was offenbar lange nicht bei allen Kindern der Fall war, sondern wir auch beim Spielen „nebenbei“ angesprochen wurden.

Zum anderen haben wir in der Türkei immer höhere Preise als die Einheimischen bezahlt und höchstens mal in Begleitung eines Türken die „local rate“ bekommen. Dies ist natürlich heute zum allergrößten Teil der Tatsache geschuldet, dass man es mit Touristen einfach machen kann. Man sieht uns eben an, dass wir aus einem reichen Land kommen. Michael ist auch der Ansicht, dass dies keinesfalls eine blanke Unverschämtheit darstellt, sondern dass Preise für Dienstleistungen, die über dem üblichen Niveau eines Landes liegen, für Besucher aus einem (sehr) reichen Land (wie Deutschland) angemessen sind.

Warum dieses Geschäftsverhalten auch aus traditioneller türkischer Sicht übrigens keinesfalls unverschämt ist, kann man sehr gut in unserem Reiseführer „Kulturschock Türkei“ von Manfred Ferner nachlesen. Übrigens ein sehr gutes Buch, das man auch gut lesen kann, wenn man nicht vorhat, in die Türkei zu fahren. Vielleicht versteht man dann besser, warum die türkischen Familien zwei Straßen weiter in einer ganz anderem Welt zu leben scheinen, und dass sie doch einfach zu verstehen sein können.





Was für ein Reisetag!

8 09 2011

Sehr erschöpft schreibe ich nach einem langen Tag aus Skopje, während draußen Kanonen donnern und dazu passende Volksmusik aus dem Fernseher schallt. Warum Anna trotzdem schon schlafen kann, gibt es es jetzt zu lesen!

Das Aufstehen wurde von von zwei sich ausgleichenden Faktoren gestört und lief daher genau nach Plan: Zwar haben nach dem Weckerklingeln wir um eine Stunde verschlafen, doch stand mein Wecker noch auf griechischer Zeit – in der Summe sind wir also planmäßig aufgestanden.

Typische Minibus-Szene in Albanien (von Volker Schatz, 2007, Bild verlinkt auf Webseite).

Dann ging es Richtung albanischer Grenze, und zwar per „Minibus“: Dabei handelte es sich in unserem Fall um einen nicht klimatisierten, umgebauten Mercedes-Bus (in den alles andere als originalen Sitzbänken funktionierten die Anschnallgurte nicht, was außer wohl aber niemals jemand bemerkt hat), dessen Fahrer uns direkt von der Straße aufsammelte, als wir noch dachten, es handele sich um planmäßige oder gar offizelle Busse. Dass dem nicht so war, war spätestens klar, als er sich von 6 Euro pro Person auf 600 Lek (etwa € 4,30)  herunterhandeln ließ und sich dafür den Spott anderer Fahrer einhandelte. Die Fahrt ging auch erst los, als der Bus voll besetzt war, wofür der Fahrer noch eine Extra-Runde durch die Stadt drehte.

Seine Fahrweise muss als selbst- und massenmörderisch eingestuft werden. Tempo 90 auf Serpentinen-Bergstraßen? Kein Problem. Überholen trotz Gegenverkehr? Kein Problem. Überholen vor Kurven auf zweispurigen Septentinen-Bergstraßen mit Handy am Ohr? Kein Problem! Schließlich hatte er jederzeit mindestens die linke Hand am Steuer, an der immerhin noch zwei Finger am Stück waren. Mehrmals hätten wir Fahrer des Gegenverkehrs darauf hinweisen können, dass sie etwas zwischen den Zähnen haben, hätten wir nicht unsere eigenen Zähne vor Angst zusammengepresst und die Hände zum Festhalten in die Lehnen gekrallt – keine Gurte, ihr erinnert Euch? Der Höhepunkt der Fahrt war, als er an einem geparkten Polizeiwagen vorbeifuhr, vor dem ein Polizist träge die Kelle hob, um ihn anzuhalten. Statt sich solch einer willkürlichen Kontrolle zu unterwerfen, hupte er fröhlich, warf den Polizisten eine Kusshand zu, beschimpfte sie laut und beschleunigte.

Qafë Thanë, von wo wir etwa 2,5 Kilometer zur Grenze gelaufen sind.

Nachdem wir in einer kurzen Pause unsere Gließmaßen gezählt hatten, war es nicht mehr weit zur mazedonischen Grenze. Wir wurden mitten im Nichts ausgesetzt, fanden aber den Weg zur Grenze wie beschrieben und bekamen noch Erläuterungen von einem jüngeren Mitfahrer, der Englisch sprach. Wir wurden sofort von Taxifahrern angesprungen, die sich auf Albanisch offenbar lautstark darüber stritten, wer uns zuerst ansprechen durfte. Ich wartete höflich, bis sie sich geeinigt hatten, und sagte dann auf Albanisch, dass wir kein Taxi wünschten. Als wir 500 Meter gelaufen waren, versuchte es einer von ihnen noch einmal im Vorbeifahren, doch wir wollten natürlich laufen. Anna hatte Schwierigkeiten damit, dass uns der Weg von zwei Leuten als „bergab“ beschrieben wurde, aber nicht wirklich bergab ging. Meine Theorie ist, dass „bergab“ als „nicht ganz so steil bergauf wie üblich“ verstanden werden musste.

Man beachte, wo die Leitplanke endet.

Hier oben, auf der ausgestorbenen Bergstraße, hörten wir etwas, das wir in Albanien nirgends, weder in Verkehrsmitteln, noch im Bett, auf dem Land oder in der Stadt gehört hatten: Stille. Wir genossen den Moment, und ich fand diese zweieinhalb Kilometer eine der schönsten Strecken des ganzen Urlaubs – nur wir beide, ein klarer Weg, ein klares Ziel und viel Zeit.

Ausgestorbene Kasernenanlage.

Auf dem Weg zur Grenze kamen wir an unzähligen kleinen Bunkeranlagen vorbei, die das ganze Land wie Pockennarben säumen. Vom kommunistischen Diktator Envar Hoxha erbaut, sollten sie eine Invasion abwehren, die es niemals gab. Auch eine verlassene Kasernenanlage passierten wir, und es verwundert nicht, dass die ansonsten dichte Vegetation hier fehlt – zweifellos wurde  die Landschaft für militärische Zwecke kahlgeschlagen.

An der Grenze selbst waren wir beim Verlassen Albaniens beruhigt, dass es kein Problem damit gab, bei der Einreise keinen Stempel bekommen zu haben. Auf Nachfrage bekamen wir diesmal einen, der Grenzbeamte kannte sogar das deutsche Wort „Stempel“ und lachte, da er offenbar oft gebeten wird, sein offizielles Werkzeug zu schwingen, um ein Souvenir im Reisepass zu hinterlassen. Auf mazedonischer Seite gab es leider auch auf Nachfrage keinen Stempel.

Typischer verwahrloster Bunker in Albanien.

Zwischen den Grenzposten – wo wir uns nicht trauten, Fotos zu schießen – machten wir gleich zweimal große Augen. Einmal, als wir den Grenzstein sahen, der halb überwuchert und unbeachtet zwischen den Fahrstreifen vor sich hin altert und die Jahrzehnte vergessen hat: Seine südliche Seite spricht von der RPSSH (Republika Popullore Socialiste e Shqipërisë, „Sozialistische Volksrepublik Albanien“), während seine nördliche Seite sich in der СФРЈ (Социјалистичка Федеративна Република Југославија, „Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien“) wähnte.

Ein Grenzstein ähnlich dem, den wir gesehen haben (von Adam Rugała, 2009, Bild verlinkt auf Webseite).

Der andere Schock war ein regelrechter Kadaver von einem Reisebus, verendet und ausgeschlachtet im Niemandsland. Motor, Räder, Türen, Sitze, Armaturen, Achsen – nichts war  mehr an seinem Skelett, außer dem verwitternden deutschen Schriftzug auf der Heckscheibe: „Erstklassig reisen – Busreisen!“

Auf mazedonischer Seite mussten wir mehreren Taxifahrern eindringlich klarmachen, dass wir nicht für eine Fahrt bezahlen wollten. Hier trampen zwar viele Besucher, aber in der Bevölkerung ist das Konzept wenig bekannt. Kopfschüttelnd wurden wir von den Taxifahrern stehengelassen, als wollten wir allen Ernstes den Tag in der Sonne vor der Grenze verbringen. Dazu kam es nicht, denn schon nach weniger als einer halben Stunde wurden wir von zwei Mazedoniern mitgenommen, die am Ende einer zweitägigen Reise aus Italien vorbeikamen, wo sie leben und arbeiten. In ihrem schmucken Mercedes S 340 nahmen sie uns mit nach Skopje, unterhielten sich sehr nett mit uns und gaben uns Getränke aus – fast zu einfach!

Damit es doch nicht so einfach wurde, gab der Mercedes auf halber Strecke des Geist auf. Nach einer guten Stunde erfolgloser Wiederbelebungsmaßnahmen durch zahlreiche selbsternannte Experten und die zunehmend frustrierten Fahrer fassten sie den Plan, die weitere Strecke bergab zu rollen und hoffentlich einen Mechaniker ausfindig zu machen oder zu rufen. Wir bedankten uns herzlich für die Hilfe, entschieden uns aber, an den Rastplatz zu bleiben, um eine Weiterfahrt zu finden.

Da sich langsam die Sonne senkte, und die Mitnahmebereitschaft nicht groß war, haben wir beim nächsten Minibus – deutlich moderner und weniger tödlich als auf der albanischen Seite – nachgefragt und für zusammen 8 Euro zwei Plätze nach Skopje ergattert. Auf dem Weg sahen wir, nur etwa einen Kilometer vom Rastplatz, unsere beiden ersten Fahrer frustriert in einer ausgestorbenen Haltebucht neben ihrem Wagen stehen.

Ein kleiner Abglanz des Feuerwerks im Zentrum.

In Skopje angekommen bestand ich darauf, ein Stück zu laufen, obwohl wir sehr erschöpft waren, um von den räuberischen Taxifahrern am Bahnhof wegzukommen („Ich spreche Deutsch, ich habe GPS, guckst Du mein Auto, kommst Du mit! Warum nicht!? Komm mit!“). Erst dabei wurde uns klar: In der Stadt ist der Teufel los! Überall mazedonische Flaggen, abgesperrte Straßen voller Menschen, besondere Plakate, hupende Autos und Motorräder, von denen Flaggen wehten. Auf Nachfrage bestätigte man unsere Vermutung: Es ist ein runder Geburtstag der Unabhängigkeit – 20 Jahre Volksabstimmung für die Loslösung von Jugoslawien.

Den restlichen Weg zum Hostel nahmen wir ein Taxi, wobei uns mein gebrochenes Serbisch Geld und Nerven sparte. Hier läuft nun schon den ganzen Abend die Unabhängigkeitsfeier im Fernsehen, und passend zum Donner draußen sehen wir die feierlichen Kanonschläge (aus modernen Artilleriegeschützen!) und das Feuerwerk. Morgen hoffen wir, das neu eröffnete Unabhängigkeits-Museum besuchen zu können.

Und damit gute Nacht für heute aus der mazedonischen Hauptstadt!





Athen

6 09 2011

Das urgemütliche Tirana Backpacker Hostel

Mittlerweile sind wir gut in Tirana angekommen und haben im Tirana Backpacker Hostel eine nette Bleibe gefunden. Wegen der hohen Temperaturen und kleinerer gesundheitlicher Probleme machen wir es wie in Athen so, dass wir den Nachmittag in Ruhe verbringen und abends durch die Stadt gehen.

Zunächst wollen wir allerdings noch einige Dinge aus Athen berichten.  Einige große Gegensätze der Stadt haben wir wohl hauptsächlich in drei verschiedenen Vierteln kennengelernt.

Dieser Hinweis (aus unserem Hostel) findet sich überall in Griechenland, und ist bitterer Ernst

Der Stadtteil, in dem unser Hostel lag, war hauptsächlich von Menschen aus Asien bewohnt und von großer Armut geprägt. Der große Victoriaplatz, auf welche wir angekommen sind, war sicher einer der Treffpunkte des Viertels.  Besonders abends hockten dort an den Rändern der Grünflächen jede Menge Männer und die Jungs spielen Fussball. Frauen oder Mädchen waren hingegen in der Regel nirgendwo zu sehen – nur am Sonntag Nachmittag hatten sie eine Ecke des Platzes für sich.  Tagesüber herrschte in den Straße ein reger Gemüse -(Schwarz?)-Handel. Jeder Anbieter hatte einen Karren oder einfach einen Eimer mit seiner Ware, und manchmal wechselten die Händler im Laufschritt mit ihrer Ware unterm Arm oder auf einem Karren den Standort. Außerdem gab es einen Haufen Läden, in denen man Geld in so ziemlich jede beliebige asiatische und osteuropäische Währung tauschen konnte und natürlich gab es auch Telefonläden, in denen man für sehr wenig Geld in diese Länder telefonieren konnte.

Politisches Graffiti nahe unseres Stadtteils

Vor so manchem verlassenen Haus herrschte ein dermaßen stechender Gestank , dass wir kaum wissen mochten, wie viele Menschen wohl unter welchen Verhältnissen dahinter leben.  In Erinnerung bleiben wird uns wohl auch eine Art rumänischer Mutter-Kind-Treff auf der Straße vor unserem Hostel. Ein englische Frau, die in unserem Hostel arbeitete, machte uns darauf aufmerksam, dass eine der Frauen ihr Baby in einer Art Ikea-Plastiktüte, welche mit Decken ausgelegt war, transportierte.

Straßenszene in Exarchia

Exarchia hingegen ist ein Stadtteil, in dem sich ein jeder linksalternativer Jugendlicher aus Europa zuhause fühlen kann. Hier sind die Gebäude heruntergekommen aber mit Liebe bewohnt, jede Wand ist voller Graffiti, sowohl schöne als auch primitive, überall hängen politische Plakate und Ankündigungen für Konzerte von alternativer und Metal-Musik, alternative Kneipen säumen die Straßen.

Gedenktafel für Alexandros Grigoropoulos, 2008 im Alter von 15 Jahren von einem Polizisten erschossen

Hier haben wir auch die Gedenkstätte für Alexandros Grigoropoulos gefunden. Jugendliche Anwohner anzusprechen und mit ihnen über den Ort und das Ereignis zu reden, war überraschend einfach. Es herrschte – anders als z.B. grundsätzlich in der Türkei – keine grundlegende Skepsis wegen der (vermeintlichen) kulturellen Unterschiede. Die Gedenkstätte ist, ohne jede Beteiligung der Stadt oder irgendwelcher Behörden, sehr liebevoll und dauerhaft eingerichtet. Michael hat es viel bedeutet, dort gewesen zu sein, nachdem er schon am Tag nach dem Mord im Dezember 2008 in Hamburg auf die Straße gegangen war.

Graffiti an der Universität: "Scheiß auf den Internationalen Währungsfonds"

Schließlich haben wir auch das touristische Athen gesehen. Wir sind auf die Akropolis gestiegen, haben das nationale Archäologie-Museum gesehen und den Syntagma-Platz vor dem Parlamentsgebäude besucht. Auf dem Syntagma-Platz war leider nichts mehr vom Protest griechischer Bürger gegen die lähmenden Sparmaßnahmen, die dem Land vom Internationalen Währungsfonds aufgezwungen werden, zu sehen. Diese sind gerade in diesem Sommer für alle Balkan-Reisenden greifbar: Keine internationalen Züge fahren nach oder verlassen Griechenland.

Demo auf dem Syntagma-Platz

Was wir aber beobachten konnten, war eine Protestkundgebung von etwa 200 Menschen, die sich gegen den syrischen Präsidenten Bashar Al-Assad und seine brutale Unterdrückung der Menschen in Syrien richtete. Jemand hatte extrem viele Flaggen der alten syrischen Republik (frühe 30er bis späte 50er und Anfang der 60er Jahre) besorgt und ein riesiges Banner mit dem selben Flaggenmotiv tauchten den Platz in grün, weiß und schwarz. Die ganze Veranstaltung über wurde über einige Megaphone in arabisch gerufen und gesungen, wovon wir natürlich nur wenige Brocken verstehen konnten – dass es darum ging, Bashar Al-Assad möge sich zum Teufel scheren, war trotzdem offensichtlich.

Eine Frau mit der Flagge der libyschen Rebellen (und des alten Königreichs der 50er und 60er Jahre)

Es waren auch einige Flaggen Saudi Arabiens zu sehen, was Michael eher beunruhigte, Anna aber nur als Solidaritätsbekundung nach der Kritik des saudischen Königs an der syrischen Regierung verstand. Befremdlich fanden wir allerdings beide, dass auch Kinder von fünf Jahren oder noch weniger Nationalflaggen ins Gesicht gemalt hatten, Flaggen schwenkten und sogar in ihrer fiepsigen Stimme Parolen durch die Megaphone riefen.

Pan (rechts) will Aphrodite (links) an die nicht vorhandene Wäsche. Eros (oben) hilft ihr, ihn abzuwehren.

Die Akropolis und das Museum konnten wir – festhalten, bitte – als Studenten eines EU-Landes kostenlos betreten! So haben wir zusammen 38 Euro gespart, was der Reisekasse natürlich gut getan hat. Das archäologische Museum hat eine faszinierende Sammlung prähistorischer Artefakte zu bieten, die uns beiden trotz Erschöpfung viel Spaß gemacht hat. Das Parthenon auf der athenischen Akropolis bedarf sicherlich keines Fotos :)

Zum Abschluss: Ein Blück über Athen von der Akropolis





Gleich geht’s los: Auf nach Albanien!

4 09 2011

Hier nur eine kurze Meldung: Unsere Tage in Athen gehen zuende, gleich machen wir uns auf den Weg zum Bahnhof, von wo uns ein Reisebus in die albanische Hauptstadt Tirana bringt. Die Tickets haben wir mangels Albanisch- oder Griechischkenntnissen gestern mit viel Zeichensprache und viel Lächeln von einer freundlichen Frau in einem überraschen vertrauenwürdigen Reisebüro gekauft, vor dem ein überraschend vertrauenswürdiger Reisebus aus Albanien stand.

In Athen haben wir zweimal das Standard-Programm mitgenommen: Die Akropolis, mit dem weltberühmten Parthenon, und das Nationale Archäologische Museum mit seiner phantastischen Ausstellung prähistorischer und klassischer Artefakte. Weniger standardmäßig waren unsere Spaziergänge durch Exarchia, auf denen wir auch den Ort besucht haben, an dem 2008 Alexandros Grigoropoulos erschossen wurde.

Athen ist eine sehr „rauhe“ und schmutzige Stadt, besonders in unserem und den umliegenden Stadtteilen. Trotzdem haben wir keinerlei Feindlichkeit gespürt oder uns zu irgendeinem Zeitpunkt bedroht gefühlt. Es wird eindrucksvoll deutlich, dass dies jahrzehntelang der östlichste metropolitane Außenposten der EU, quasi ihr Tor nach Asien, war. Athen wird uns, ähnlich wie Belgrad damals, noch lange zu denken geben.








Follow

Get every new post delivered to your Inbox.