Was für ein Reisetag!

8 09 2011

Sehr erschöpft schreibe ich nach einem langen Tag aus Skopje, während draußen Kanonen donnern und dazu passende Volksmusik aus dem Fernseher schallt. Warum Anna trotzdem schon schlafen kann, gibt es es jetzt zu lesen!

Das Aufstehen wurde von von zwei sich ausgleichenden Faktoren gestört und lief daher genau nach Plan: Zwar haben nach dem Weckerklingeln wir um eine Stunde verschlafen, doch stand mein Wecker noch auf griechischer Zeit – in der Summe sind wir also planmäßig aufgestanden.

Typische Minibus-Szene in Albanien (von Volker Schatz, 2007, Bild verlinkt auf Webseite).

Dann ging es Richtung albanischer Grenze, und zwar per “Minibus”: Dabei handelte es sich in unserem Fall um einen nicht klimatisierten, umgebauten Mercedes-Bus (in den alles andere als originalen Sitzbänken funktionierten die Anschnallgurte nicht, was außer wohl aber niemals jemand bemerkt hat), dessen Fahrer uns direkt von der Straße aufsammelte, als wir noch dachten, es handele sich um planmäßige oder gar offizelle Busse. Dass dem nicht so war, war spätestens klar, als er sich von 6 Euro pro Person auf 600 Lek (etwa € 4,30)  herunterhandeln ließ und sich dafür den Spott anderer Fahrer einhandelte. Die Fahrt ging auch erst los, als der Bus voll besetzt war, wofür der Fahrer noch eine Extra-Runde durch die Stadt drehte.

Seine Fahrweise muss als selbst- und massenmörderisch eingestuft werden. Tempo 90 auf Serpentinen-Bergstraßen? Kein Problem. Überholen trotz Gegenverkehr? Kein Problem. Überholen vor Kurven auf zweispurigen Septentinen-Bergstraßen mit Handy am Ohr? Kein Problem! Schließlich hatte er jederzeit mindestens die linke Hand am Steuer, an der immerhin noch zwei Finger am Stück waren. Mehrmals hätten wir Fahrer des Gegenverkehrs darauf hinweisen können, dass sie etwas zwischen den Zähnen haben, hätten wir nicht unsere eigenen Zähne vor Angst zusammengepresst und die Hände zum Festhalten in die Lehnen gekrallt – keine Gurte, ihr erinnert Euch? Der Höhepunkt der Fahrt war, als er an einem geparkten Polizeiwagen vorbeifuhr, vor dem ein Polizist träge die Kelle hob, um ihn anzuhalten. Statt sich solch einer willkürlichen Kontrolle zu unterwerfen, hupte er fröhlich, warf den Polizisten eine Kusshand zu, beschimpfte sie laut und beschleunigte.

Qafë Thanë, von wo wir etwa 2,5 Kilometer zur Grenze gelaufen sind.

Nachdem wir in einer kurzen Pause unsere Gließmaßen gezählt hatten, war es nicht mehr weit zur mazedonischen Grenze. Wir wurden mitten im Nichts ausgesetzt, fanden aber den Weg zur Grenze wie beschrieben und bekamen noch Erläuterungen von einem jüngeren Mitfahrer, der Englisch sprach. Wir wurden sofort von Taxifahrern angesprungen, die sich auf Albanisch offenbar lautstark darüber stritten, wer uns zuerst ansprechen durfte. Ich wartete höflich, bis sie sich geeinigt hatten, und sagte dann auf Albanisch, dass wir kein Taxi wünschten. Als wir 500 Meter gelaufen waren, versuchte es einer von ihnen noch einmal im Vorbeifahren, doch wir wollten natürlich laufen. Anna hatte Schwierigkeiten damit, dass uns der Weg von zwei Leuten als “bergab” beschrieben wurde, aber nicht wirklich bergab ging. Meine Theorie ist, dass “bergab” als “nicht ganz so steil bergauf wie üblich” verstanden werden musste.

Man beachte, wo die Leitplanke endet.

Hier oben, auf der ausgestorbenen Bergstraße, hörten wir etwas, das wir in Albanien nirgends, weder in Verkehrsmitteln, noch im Bett, auf dem Land oder in der Stadt gehört hatten: Stille. Wir genossen den Moment, und ich fand diese zweieinhalb Kilometer eine der schönsten Strecken des ganzen Urlaubs – nur wir beide, ein klarer Weg, ein klares Ziel und viel Zeit.

Ausgestorbene Kasernenanlage.

Auf dem Weg zur Grenze kamen wir an unzähligen kleinen Bunkeranlagen vorbei, die das ganze Land wie Pockennarben säumen. Vom kommunistischen Diktator Envar Hoxha erbaut, sollten sie eine Invasion abwehren, die es niemals gab. Auch eine verlassene Kasernenanlage passierten wir, und es verwundert nicht, dass die ansonsten dichte Vegetation hier fehlt – zweifellos wurde  die Landschaft für militärische Zwecke kahlgeschlagen.

An der Grenze selbst waren wir beim Verlassen Albaniens beruhigt, dass es kein Problem damit gab, bei der Einreise keinen Stempel bekommen zu haben. Auf Nachfrage bekamen wir diesmal einen, der Grenzbeamte kannte sogar das deutsche Wort “Stempel” und lachte, da er offenbar oft gebeten wird, sein offizielles Werkzeug zu schwingen, um ein Souvenir im Reisepass zu hinterlassen. Auf mazedonischer Seite gab es leider auch auf Nachfrage keinen Stempel.

Typischer verwahrloster Bunker in Albanien.

Zwischen den Grenzposten – wo wir uns nicht trauten, Fotos zu schießen – machten wir gleich zweimal große Augen. Einmal, als wir den Grenzstein sahen, der halb überwuchert und unbeachtet zwischen den Fahrstreifen vor sich hin altert und die Jahrzehnte vergessen hat: Seine südliche Seite spricht von der RPSSH (Republika Popullore Socialiste e Shqipërisë, “Sozialistische Volksrepublik Albanien”), während seine nördliche Seite sich in der СФРЈ (Социјалистичка Федеративна Република Југославија, “Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien”) wähnte.

Ein Grenzstein ähnlich dem, den wir gesehen haben (von Adam Rugała, 2009, Bild verlinkt auf Webseite).

Der andere Schock war ein regelrechter Kadaver von einem Reisebus, verendet und ausgeschlachtet im Niemandsland. Motor, Räder, Türen, Sitze, Armaturen, Achsen – nichts war  mehr an seinem Skelett, außer dem verwitternden deutschen Schriftzug auf der Heckscheibe: “Erstklassig reisen – Busreisen!”

Auf mazedonischer Seite mussten wir mehreren Taxifahrern eindringlich klarmachen, dass wir nicht für eine Fahrt bezahlen wollten. Hier trampen zwar viele Besucher, aber in der Bevölkerung ist das Konzept wenig bekannt. Kopfschüttelnd wurden wir von den Taxifahrern stehengelassen, als wollten wir allen Ernstes den Tag in der Sonne vor der Grenze verbringen. Dazu kam es nicht, denn schon nach weniger als einer halben Stunde wurden wir von zwei Mazedoniern mitgenommen, die am Ende einer zweitägigen Reise aus Italien vorbeikamen, wo sie leben und arbeiten. In ihrem schmucken Mercedes S 340 nahmen sie uns mit nach Skopje, unterhielten sich sehr nett mit uns und gaben uns Getränke aus – fast zu einfach!

Damit es doch nicht so einfach wurde, gab der Mercedes auf halber Strecke des Geist auf. Nach einer guten Stunde erfolgloser Wiederbelebungsmaßnahmen durch zahlreiche selbsternannte Experten und die zunehmend frustrierten Fahrer fassten sie den Plan, die weitere Strecke bergab zu rollen und hoffentlich einen Mechaniker ausfindig zu machen oder zu rufen. Wir bedankten uns herzlich für die Hilfe, entschieden uns aber, an den Rastplatz zu bleiben, um eine Weiterfahrt zu finden.

Da sich langsam die Sonne senkte, und die Mitnahmebereitschaft nicht groß war, haben wir beim nächsten Minibus – deutlich moderner und weniger tödlich als auf der albanischen Seite – nachgefragt und für zusammen 8 Euro zwei Plätze nach Skopje ergattert. Auf dem Weg sahen wir, nur etwa einen Kilometer vom Rastplatz, unsere beiden ersten Fahrer frustriert in einer ausgestorbenen Haltebucht neben ihrem Wagen stehen.

Ein kleiner Abglanz des Feuerwerks im Zentrum.

In Skopje angekommen bestand ich darauf, ein Stück zu laufen, obwohl wir sehr erschöpft waren, um von den räuberischen Taxifahrern am Bahnhof wegzukommen (“Ich spreche Deutsch, ich habe GPS, guckst Du mein Auto, kommst Du mit! Warum nicht!? Komm mit!”). Erst dabei wurde uns klar: In der Stadt ist der Teufel los! Überall mazedonische Flaggen, abgesperrte Straßen voller Menschen, besondere Plakate, hupende Autos und Motorräder, von denen Flaggen wehten. Auf Nachfrage bestätigte man unsere Vermutung: Es ist ein runder Geburtstag der Unabhängigkeit – 20 Jahre Volksabstimmung für die Loslösung von Jugoslawien.

Den restlichen Weg zum Hostel nahmen wir ein Taxi, wobei uns mein gebrochenes Serbisch Geld und Nerven sparte. Hier läuft nun schon den ganzen Abend die Unabhängigkeitsfeier im Fernsehen, und passend zum Donner draußen sehen wir die feierlichen Kanonschläge (aus modernen Artilleriegeschützen!) und das Feuerwerk. Morgen hoffen wir, das neu eröffnete Unabhängigkeits-Museum besuchen zu können.

Und damit gute Nacht für heute aus der mazedonischen Hauptstadt!


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2 Antworten

9 09 2011
Jan

KORREKTUR Im gestrigen Beitrag hieß es: »Nachdem wir in einer kurzen Pause unsere Gließmaßen gezählt hatten, war es nicht mehr weit zur mazedonischen Grenze.« Richtig hätte es natürlich »Gließmaden« heißen müssen, ein in Franken beheimatetes Ungeziefer.

9 09 2011
Michael Büker

Jan hat Recht. Die Gließmade (Albanisch “Girismadë”) gilt als Glücksbringer im albanischen Fernverkehr.

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