Neuer Plan und (Über)leben in Belgrad

28 09 2010

 

Neue Route, neue Schleife!

 

Der Eintrag beginnt – es musste ja kommen! – mit einer Planänderung! Um unsere Zeit besser nutzen zu können, haben wir uns entschlossen, Priština auszulassen und direkt von Belgrad nach Sarajevo zu fahren. Eine ästhetische Katastrophe, keine Frage: Die Schleife in unserer Route fällt weg, und Michael hat keine Ahnung, wie er auf seiner Länder-die-ich-besucht-habe-Europakarte Serbien und das Kosovo auseinanderfrimeln soll.

Aber insbesondere die, ähem, lückenhafte Natur des bosnischen Schienennetzes macht es sinnvoll, dass wir uns zum Ende unserer Reise näher an zuhause befinden als in Sarajevo. Unsere pünktliche und heile Rückkehr würde nämlich davon abhängen, dass ein Nachtzug weniger als 10 Minuten Verspätung hat (unmöglich!), oder ein Zug von Bosnien nach Kroatien weniger als eine Stunde (unwahrscheinlich!).

Und deshalb fahren wir schon übermorgen direkt mit dem Zug nach Sarajevo – eine Strecke, die ich schon unbedingt fahren wollte, seit sie vor rund einem halben Jahr wiedereröffnet wurde und ich eine Reportage in der SZ gelesen habe, die mir meine gute Freundin Laura über diese Strecke geschickt hatte. Dort verbringen wir vier Tage, und werden hoffentlich auch eine Tagestour machen können. Unsere letzten drei Tage verbringen wir dann in Ljubljana, der Hauptstadt Sloveniens. Hier soll es einen gigantischen Wasserpark geben! Darauf freuen wir uns besonders, denn so großartig Hamburg auch ist, Schwimm- und Badespaß haben die Leute dort kein Stück raus.

Dass wir Euch schreiben können, ist (offensichtlich) unserem Überleben im serbischen Großstadtstraßenverkehr zu verdanken. Wenn wir dachten, der Verkehr in Warschau wäre schlimm, so wurden wir hier eines Besseren belehrt. Ein Zusammentreffen Belgrader und Römischer Autofahrer würde zweifellos in einem Blechbad enden. Auch eine grüne Fußgängerampel wird von Autofahrern hier eher mit einem Lächeln als mit einem Bremsen quittiert. Unsere geniale Überlebensstrategie: An jeder Stelle, an der wir die Straße überqueren wollen (auch an Ampeln!) warten wir auf Einheimische, und nur wenn sie losgehen, gehen wir im “Windschatten” hinterher. Wünscht uns Glück für die nächsten beiden Tage!

 

Überleben: Glückssache!

 

Gestern sind wir ein Stück zu Fuß durch die Stadt gelaufen. Entgegen meinem ersten Eindruck sind hier wenige Gebäude noch sichtlich kriegszerstört, doch das eine, das mich auf der Hinfahrt schockiert hat, ist tatsächlich seit 1999 praktisch unberührt geblieben.

 

Ehemaliges jugoslawisches Verteidigungs-ministerium

 

Das jugoslawische Verteidigungsministerium wurde am 26. März 1999 (zwei Tage nach Beginn der NATO-Luftangriffe auf Serbien) zerstört. Auf dem Foto links ist eine Hälfte des Gebäudekomplexes zu sehen, die andere ist auf der rechts gegenüberliegenden Straßenseite symmetrisch und ebenso zerstört.Wir konnten nicht klären, ob das Gebäude eine “Brücke” über die Straße bildete, vermuten es aber.

Warum das Gebäude bis heute so aussieht, mit sehr provisorisch anmutenden Absperrungen, klapperigen Sicherungen und ohne Hinweistafeln oder dergleichen, habe ich einen serbischen Jungen in unserem Alter gefragt, der im Hostel arbeitet. Für ihn war die Sache klar: Als Mahnmal! Auch andere äußern hauptsächlich Wut und verstehen die Ruine offenbar als Zeichen für geschehenes Unrecht und berichten von den Fällen, in denen normale Bürger der Stadt den Bombardierungen zum Opfer gefallen sind.

Obwohl ich mich beim Fotografieren zurückgehalten und (hoffentlich) unauffällig verhalten habe, sprach mich ein Mann im Anzug im Vorbeigehen an. Er deutete auf meine Kamera und das Haus und erzählte aufgeregt, aber mit einem gewissen Grinsen etwas. Mein vorsichtiges “Не разумем” (“Ich verstehe nicht”) überging er. Er fragte noch, ob ich Englisch spreche, erzählte aber auf Serbisch weiter. Das einzige was ich wirklich verstand war, dass das Gebäude offenbar von Tomahawk-Cruise Missiles zerstört wurde. Zum Schluss fragte er, ob ich aus Slowenien käme – ein eindeutiger Beleg dafür, wie unterschiedlich die Sprachen sind. Als ich meinte, dass ich aus Deutschland bin, schaute er mich seltsam an, irgendwie verwundert und möglicherweise verärgert, und ging seiner Wege.

Obwohl es sich bei dem Mann möglicherweise um jemanden gehandelt hat, der an einem langen Tag vielen Leuten viele Dinge erzählt (so interpretierte der junge Serbe im Hostel die Geschichte), war ich trotzdem nachdenklich darüber, durch mein Fotografieren eine Reaktion provoziert zu haben. Überall in Osteuropa fotografieren Touristen unbehelligt jeden Quatsch, doch für die Belgrader ist genau dieses Gebäude sicherlich kein Quatsch.

 

A la France!

 

Danach sind wir durch den malerischen Schlosspark spaziert. Ein Denkmal hier lässt Anna bis heute keine Ruhe, da es absurd deplatziert wirkt: Eine hohe Säule mit der Sockelinschrift “A LA FRANCE”. Im ersten Vorbeigehen am Abend zuvor hatte Anna außerdem die Figur auf dem Sockel als eine Frau in einem Ohrensessel interpretiert – sowas Komisches!

Die Wahrheit, so vermuten wir, liegt wohl darin, dass mit diesem 1930 aufgestellten Denkmal den Franzosen für ihre diversen militärischen Aktionen gegen Österreich gedankt werden soll (auf der Seite sind Soldaten abgebildet), das Serbien lange regierte.

 

Panzerparade

 

Weniger nach Annas Geschmack waren die zahlreichen Panzer, Artillerie- und Flakgeschütze sowie anderes verschiedenstes Militärgerät um das Militärmuseum. Michael musste natürlich ein paar verstohlene Blicke werfen, aber dann sind wir weiter auf die Burg gegangen.

Von dort war der Blick spektakulär – hier fließen Save und Donau zusammen, auf der Schlossmauer schmusen jede Menge Pärchen, und außerdem hatten wir Eis!

Heute haben wir dann das Mausoleum, in dem Tito begraben liegt,  besucht.  Dazu ging es über den berühmten Autoput, einem Bäcker der leckere Kleinigkeiten für uns hatte und am Fußballstadion von Partizan Belgrad vorbei.

 

Champions League-würdig!

 

 

Liegt der da wirklich drin?

 

Tito liegt im Haus der Blumen, das etwas oberhalb der Stadt liegt, begraben. Den Pfeilen auf den Gehwegen nach zu urteilen, ist diese Anlage ursprünglich für Tausende von Besuchern gebaut worden.

Gerade wird in Belgrad die Champions League-Partie Partizan Belgrad gegen Arsenal London ausgetragen. Unsere Annahme, dass ein Club der schon Patrtizan heißt eventuell nicht der friedlichste ist, wurde heute von einem Jungen im Hostel bestätigt, der uns Youtube-Videos von Randalen gezeigt hat. Trotzdem gehen wir mit zwei Deutschen, die gerade aus Istanbul getrampt kommen, nochmal in eine Kneipe in der Nähe.

Bis bald, liebe Freunde und Verwandte!





In Belgrad angekommen

26 09 2010

Hallo, Freunde und Verwandte! Wir sind sicher in Belgrad angekommen. Anna schläft schon, denn die Nacht war sehr kurz. Die engen Betten im Zug, die Passkontrolle um 02:00 Uhr morgens (wir haben jetzt serbische Stempel!) und die fehlenden Sicherungsgurte gegen das Herunterfallen aus dem obersten Bett (nichts passiert, aber man schläft weniger ruhig) taten ihr Übriges, sodass auch ich mich, selbst nach einem ultrastarken serbischen Kaffee, gleich hinlegen werde.

Нови Београд (Neu-Belgrad)

Mit dem Zug kamen wir durch Neu-Belgrad (siehe Foto rechts), was selbst für mich ein Schock war, denn die riesigen, brutalen Wohnblöcke und die zum Teil wüsten Schrottplatz- und Holzhütten-Siedlungen stehen im krassen Kontrast nicht nur zu Warschau und Budapest, sondern selbst zu anderen Hauptstädten im ehemaligen Jugoslawien wie Zagreb. Selbst für mich, der ich Sarajevo schon kenne, war es ein bestürzender Eindruck. Als ich den Schaffner in gestammeltem Serbisch gefragt habe wann wir am Hauptbahnhof ankommen, erwiderte er irritiert und leicht verärgert, dass wir soeben eingefahren seien – was ein Blick aus dem Fenster kaum vermuten ließ.

Ein zerstörtes Gebäude im Zentrum (Foto ©Manar Makhoul)

Auf dem Weg vom Hauptbahnhof – für den wir selbst nach freundlichen Worten auf Serbisch noch den doppelten, touristischen Taxipreis von etwa € 5,70 für 1,7 km bezahlt haben – sind wir an neugebauten, großen Bürogebäuden wie auch völlig zerstören Häusern (siehe Foto links) vorbeigekommen.

Im Hostel angekommen – hier gibt es sehr freundliche Leute und eine hübsche Einrichtung – haben wir auf dem Balkon gesessen und nachdenklich die Stadt betrachtet. Wir wollten Belgrad, und wir haben Belgrad bekommen!

Ich freue mich darauf, die Stadt zu erkunden und mein bisschen Serbisch auszuprobieren. Bald werden wir auch eigene Fotos zeigen und unsere Eindrücke beschreiben können. In diesem Sinne: Gute Nacht! :-)








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