Urlaub vom Urlaub im Urlaub

25 09 2010

Ziel unseres Stopps: Széchenyi fürdő

“Was haben die beiden wohl in den letzten Tagen so getrieben?”, fraget ihr euch, liebe Freunde und Verwandte. Wir können stolz sagen: Praktisch nichts!

38° C

Unser Zwischenstopp in Budapest kam zustande, da wir von Warschau nach Belgrad keine 24 Stunden im Zug verbringen wollten. Budapest lag auf dem Weg, und hier lag auf unserer Reise im letzten Jahr nicht nur das gemütlichste Hostel, sondern auch “unfinished business”! Es war uns nämlich beim letzten Mal das Geld ausgegangen, um das Thermalbad nochmal zu besuchen, das hier zu sehen ist. Das konnten wir nicht auf uns sitzen lassen, und machten es – außer einem einzigen anderen Museum – zum alleinigen Tagesordnungspunkt unserer zwei Tage hier. Und es war großartig!

Ein typisches BildDraußen gibt es drei große Pools: Der mittlere hat nur (nur!) 25° C und ist zum Schwimmen gedacht. Die anderen haben 36° C und 38° C und sind zum Chillen gedacht! Davon haben wir ausgiebig Gebrauch gemacht, aber auch Neues entdeckt: Drinnen gibt es nämlich noch mindestens ein Dutzend kleine Thermalbecken, mit mehr oder weniger heißem Wasser, das komplett aus natürlichen heißen Quellen ins Bad geleitet wird. Einer Tafel kann man die chemische Zusammensetzung entnehmen, sowie sie Angabe, dass die Radioaktivität des Wassers nur (sic!) 0,2 mµC/l beträgt (keine Angst – das sind etwa 7,4 Bq/l und damit ungefähr soviel, wie unser Körper schon von Natur aus selbst strahlt).

Sichtverhältnisse in der Dampfsauna (Symbolfoto)

Außerdem gibt es Saunen! Es gibt Saunen von 50–60° C, von 60–70° C und zwei große Saunen mit 80–100° C, denen Michael und Rejiko aus Japan sich vergnügt ausgesetzt haben, Anna aber lieber von draußen hineingeschaut hat. In diesem Zusammenhang wichtig: Die Farbsauna! Leider war das Schild mit der Beschreibung der Farbsauna auf Ungarisch gehalten, doch wir haben die Sache so verstanden, dass es für die Gesundheit einen fundamentalen Unterschied macht, ob in eine Sauna mit 50–60° C mit grünem, rotem, blauem oder gelbem Licht beleuchtet wird. Ein weiteres Highlight war die Dampfsauna, in der Hustenbonbons durch einen Kernreaktor verdampft und… Okay, das ist vielleicht übertrieben. Wahr ist, dass diese Sauna nur 45–55° C hatte, aber krasser als selbst die heißesten anderen Saunen wirkte, denn hier konnte man (buchstäblich!) keine drei Meter weit sehen und hatte das Gefühl, Hustenbonbons einzuatmen. Anna zog es vor, nach einer Testphase von drei Sekunden die Sauna wieder zu verlassen, Michael und Rejiko haben es gute vier Minuten ausgehalten.

Zum Schluss ist Anna im bitterkalten 25° C-Becken ein paar Bahnen geschwommen, während Michael bei 38° C in seinem Serbisch-Sprachführer geblättert hat. Zu dritt sind wir dann zurück ins Hostel gefahren, wo Anna und ich Pfannkuchen und Rejiko Pasta gemacht haben, die wir dann zu dritt im königlichsten Abendessen unserer bisherigen Reise verspeist und den Abend mit absoluter Entspannung verbracht haben. Michael konnte sich dabei austoben, einen Windows-PC und seinen USB-Stick von einem Virus zu reinigen – ungeschützter Datenverkehr mit einem betrunkenen Briten! Ich hätte es besser wissen sollen.

Pfeilkreuz und fünfzackiger Stern: Faschismus und Kommunismus gleichgesetzt

Heute waren wir in einem Museum namens “House of Terror”, das uns… Nun ja, beeindruckt hat, aber nicht im Guten Sinne. Auf der einen Seite werden äußerlich Naziterror und die Unterdrückung durch den Sowjet-Kommunismus völlig gleichgestellt, auf der anderen Seite sind nur höchstens 10 % der Ausstellung wirklich dem Faschismus, der Rest dem Kommunismus gewidmet. An einigen Stellen lassen die (nur spärlich auf Englisch verfügbaren) Beschreibungen an der historischen Sorgfalt der Darstellung zweifeln. An einer Stelle wird der große Rückhalt der faschistischen Partei in der Bevölkerung beschrieben, und im gleichen Atemzug erzählt, dass die kommunistische Partei nur 150 aktive Mitglieder gehabt habe, die Bevölkerug aber gezwungen war, (sic!) ihre “Loyalität umzustellen”. Was soll das andeuten? Dass die Nazis wenigstens echte Fans hatten?
Besonders krank kam uns außerdem ein Fahrstuhl vor, der sich unerwartet als Teil der Ausstellung entpuppt. Vom ersten Stockwerk in den Keller wird man in einen Fahrstuhl gebeten, der jedoch nicht wie gewohnt fährt, sondern in dem zunächst das Licht ausgeht. In den zwei Minuten, die er für die zwei Stockwerke braucht, wird ein Film auf einem Fernseher gezeigt, in dem ein Ungar (mit englischen Untertiteln) auf Genaueste eine Hinrichtung beschreibt. Vor Betreten des Fahrstuhls gibt es keinen Hinweis darauf, der Kinder, sensible oder klaustrophobische Menschen vor diesem Albtraum bewahren könnte – und ohnehin gibt es keine Treppe, um sich diese Fahrstuhlfahrt zu sparen zu können. Viele Ausstellungsräume sind durch dramatische Musik in Dauerschleifen ausgefüllt, wodurch dem Besucher aggressiv die Stimmung vorgegeben wird. Eine animierte Darstellung der Landkarte Europas von vor dem ersten bis nach Ende des zweiten Weltkrieges kommt mit übersimplifizierter, tendenziöser Darstellung beinahe revanchistisch daher. Fazit: Kann man gesehen haben, aber auf keinen Fall unkritisch hinnehmen!

Dennoch dominierte in diesen beiden Tagen das Chillillin! Mit ausgiebigen Mahlzeiten, viel im Liegen verbrachter Zeit und schönen Gesprächen mit anderen Gästen war unser Aufenthalt sehr entspannt und angenehm – praktisch ein Urlaub vom Urlaub!

Eine Kuriosität wollen wir noch mit Euch teilen: Brautmodengeschäfte! Stellt Euch vor, in jedem (!) Hauseingang hingen mehrere Werbeschilder für Brautmode, die dort verkauft wird. Genauso sieht es hier aus! Die Inhaberin des Hostels klärte uns auf: Ein sehr beliebtes Standesamt ist ganz in der Nähe, und so konzentriert sich hier extrem der Brautmodenumsatz. Schaut es Euch an:

Ein Hauseingang...

...und der nächste Hauseingang...

...und der nächste Hauseingang...

...und der nächste Hauseingang...

...und unser Hauseingang!

Und bei diesen fünf handelt es sich tatsächlich um aufeinanderfolgende Hauseingänge! Außerdem hat uns die Inhaberin erzählt, dass es allein in unserem Haus vier solcher Geschäfte gibt. Hier ist also eine Menge los, wenn man bedenkt, dass wir beim letzten Mal nicht nur erzählt bekommen, sondern auch gehört haben, dass in unserem Haus auch ein Bordell seine Dienste feilbietet!

Nun werden wir noch Eierbrötchen (Annas Augen leuchten!) machen, und dann um 23:00 Uhr mit dem Zug nach Belgrad brausen. Um markerschütternde 06:29 soll unser Zug ankommen, und Michael kann sich vor Aufregung kaum halten, bald sein Serbisch ausprobieren zu können. Bis dann, liebe Freunde und Verwandte!








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