Vermischtes aus Warschau

23 09 2010

Ihr kennt diese Fotos: Die ganze Reisegruppe steht vor irgendwas Schönem, blockiert die Sicht auf das Gebäude/Denkmal/Naturspektakel und grinst blöd. Solche Fotos machen eigentlich nur Ärger: Man kann sie nicht selbst machen, also gibt man mehrere Hundert Euro in Form einer Kamera in die Hände einer Person, mit der man wenn es hochkommt zehn Worte auf Englisch, oder auch nur ein paar suggestive Blicke und blöde Gesten gewechselt hat. Man stellt sich dann vor dem Gebäude/Denkmal/Naturspektakel hin und erwartet fotografiert zu werden, erkennt den überforderten Blick des vorübergehenden Kamerabeauftragten, läuft zurück und erklärt mit Händen und Füßen, es müsse einfach nur der Knopf oben rechts, “This one here!”, gedrückt werden, damit das Foto aufgenommen wird. Ein, zwei, dreimal setzt man dann ein nettes Gesicht auf und hofft, dass die Kamera nicht in zwei Sekunden auf dem Boden oder in zwei Tagen in Rumänien landet. Ist alles gutgegangen, hat man ein Foto von irgendwas Schönem, das von grinsenden Urlaubern verdeckt wird.

Warum dieser Terror? Wofür entstehen solche Fotos? Ganz einfach: Die Leute zuhause finden es schön! Und deshalb, frisch aus Warschau für Euch:

Überall auf Krakaus Straßen wird für Englischunterricht geworben. Auch lokale Kleinunternehmer in der Nähe des Hauptbahnhofs erkennen diesen Trend und erläutern ihr Geschäftsmodell auf Englisch:

NA PIWO: „Für Bier“

Ach, und dann hätten wir noch eine Frage an die Naturfreunde: Welcher Art gehört dieser dicke, irre entspannte und gemütliche Bruder an?

Ach, und wo wir gerade beim Zoo sind. Macht euch gefasst auf das niedlichste Foto, das ihr heute, ach was sag’ ich!, diesen Monat gesehen haben werdet! Achtung!

Ooooooooooohhhh!!!

Also dann! In eineinhalb Stunden sitzen (noch eineinhalb Stunden später liegen wir hoffentlich) wir im Zug nach Budapest! Bis bald :-)

Nachtrag! Gestern Nacht saßen wir in einer urgemütlichen Kneipe in dem ehemals berüchtigten Warschauer Stadtteil Praga und haben mit einem Engländer über Gott und die Welt gequatscht. Dabei haben wir ihm das Konzept der Haftpflichtversicherung erklärt. Probiert das mal aus, es lohnt sich! Er fand es nämlich cool! :-D Voraussichtlich übermorgen wird das Vereinigte Königreich das deutsche System übernehmen.





Polnisch-dänische Staatsaffäre

21 09 2010

Der Tag begann eigentlich so friedlich, zwischen Bäumen, Brunnen und Steinfiguren im Park. Wir haben eine Apfelschorle getrunken und in die Sonne geschaut. Niemand dachte an Krieg!

An einem Ende des Parks befindet sich das Grab des Unbekannten Soldaten, welches laut unserem Reiseführer ständig von Soldaten bewacht wird. In der Tat standen dort zwei Soldaten (mit anscheinend geladenen Repetiergewehren und Bajonetten). Wir haben die ganze Szenerie festgehalten, bevor uns die Ereignisse überrollten.

Schon auf diesem Bild sind die drei Dinge zu sehen, die von der herannahenden Katastrophe künden, welche um ein Haar eine den Abbruch der Beziehungen zwischen Polen, Deutschland und Dänemark zur Folge gehabt hätten. Ja, Dänemark! Die Flagge links des Denkmals ist in der Tat die dänische. Die anderen beiden wichtigen Elemente sind: Das unscheinbare Buch auf dem unscheinbaren Tisch vor der Flagge, sowie der Soldat mit dem grünen Barett, der hier gerade mit einer Schulklasse über die Transformation der NATO im 21. Jahrhundert diskutiert. (Anna hält diese Interpretation für „typisch mein Freund.“ Michael protestiert aufs Schärfste.)

Natürlich hat dieses Buch Michaels Aufmerksamkeit erregt – welche Gedanken über den Krieg mögen darin verborgen sein? Aus welchen Ländern kommen die, die sich hier eintragen? Würde er selbst etwas Bedeutungsschweres hinzuzufügen wissen? – Keine dieser Fragen konnten beantwortet werden, denn …

Aufschrift: „Gedenkbuch – Grab des unbekannten Soldaten“

… Michael wurde von dem Soldaten im grünen Barett verscheucht, bevor er an den ersten, leeren Seiten vorbeiblättern konnte. In aufgeregtem Polnisch hieß man uns, das Buch nicht nur nicht anzufassen, sondern uns auch von ihm zu entfernen. Dieser kleine Fauxpas hatte schwerwiegende Folgen, denn …

… nicht nur ein paar Mann Verstärkung, sondern gleich …

… ein ganzes Aufgebot rückte als Verstärkung an, um das Buch zu schützen.

Vielleicht ging es ihnen aber auch nicht nur um Michael, denn ein anscheinend wichtiger Gast kündigte sich, nach reichlich Humsassa-Musik der bewaffneten Marschkapelle, durch Sirenen und schwarze Fahrzeuge an:

Wer mag das sein? Ein sie Soldat in ihrem Geleit hatte eine dänische Flagge auf seiner Uniform, was angesichts der Flagge neben dem Mahnmal ein schlüssiges Bild von einem Staatsbesuch ergab. Das ganze Tamtam um die Dame ließ auch vermuten, dass es sich mindestens um die Verteidigungsministerin, wenn nicht gar um die Ministerpräsidentin oder jemand ähnlich Wichtiges handeln müsste. Sie durfte dann auch das, was Michael verwährt worden war:

Nämlich, etwas Tolles in das schwarze Buch zu schreiben. Frechheit! Die darf das, und ich nicht!? Pah.

„Seien Sie unbesorgt, meine Frau! Wir haben den verrückten Deutschen verscheucht und die Situation unter Kontrolle!“

Mit nochmals reichlich Tamtam zog die gute Frau wieder ab. Eine spätere gemeinsame Recherche in der Wikipedia ergab: Es handelte sich um Gitte Lillelund Bech, die seit Januar amtierende dänische Verteidigungsministerin. Aaaaa-ha!

Glücklicherweise konnten wir uns trotz beinahe-Zwischenfall mit den beiden Nachbarstaaten Deutschlands unbehelligt vom Ort des Geschehens entfernen. Anna ist sich dabei sicher: Das wäre nicht passiert, würde Michael nicht immer gleich alles anfassen wollen! Fazit: Nochmal Glück gehabt!

Bewaffnete Streitkräfte: Immer mit dem Blick nach vorn!

“And that is why we will always need an army!” (Wer erkennt das Zitat? :-) )





Neues Jahr, neue Reise!

20 09 2010

Hallo Freunde, Verwandte und Interessierte!

Es ist wieder soweit, Anna und ich fahren mit dem Zug durch den wilden Osten! Nachdem es im Sommer erst schlecht für einen Urlaub aussah, weil ich Probleme mit meinen mündlichen Diplomprüfungen hatte, konnten wir jetzt doch noch durchstarten, nachdem sie geschafft waren.

Die Route führt uns diesmal hauptsächlich dorthin, wohin wir es im letzten Jahr nicht mehr geschafft hatten: Das östliche ehemalige Jugoslawien. Mit der polnischen Hauptstadt Warschau fangen wir an, dann machen wir einen kurzen Stopp in Budapest, wo wir ein Bad in den heißen Thermen nachholen wollen, und danach fahren wir nach Belgrad. Nach ein paar Tagen dort fahren wir (mit dem Bus, Züge gibt es da nicht) nach Pristina im Kosovo und nach Belgrad zurück (das geht nicht anders, da Serbien das Kosovo nicht anerkennt, und … Naja, furchtbar lange Geschichte, jedenfalls müssen wir erstmal nach Serbien zurück.) Das macht aber gar nichts, denn Michael möchte unbedingt mit der Belgrad-Sarajevo-Bahn fahren, die erst seit kurzem wieder fährt, und die es nach dem Bosnien-Krieg über 15 Jahre nicht gab. Heute führt sie durch Kroatien – was bedeutet, dass wir voraussichtlich für weniger als 200 km Luftlinie (!) einen ganzen Tag fahren und sechsmal unsere Pässe vorzeigen müssen. Fun, fun!

Unsere Fahrtroute - die Schleife gehört so!

Die Zugfahrt haben wir gut überstanden, und dank vorzüglicher Verpflegung durch unsere Eltern (von der wir noch spät abends etwas hatten!) mussten wir keine Not leiden.

Anna + Rucksack (mit Topf!)

Michael + Rucksack (und Schuhen!)

In Warschau angekommen, haben wir recht schnell (soweit der Straßenkrieg, ähem, -verkehr es erlaubte) zu unserem Hostel gefunden. Das Oki Doki-Hostel ist großartig gelegen und bietet eine Bar mit Happy Hour, großartige Einrichtungen und nettes Personal. In der Bar haben wir uns noch eine Weile nett unterhalten und sind dann ins Bett gefallen. Das Frühstück ist umfangreich und günstig, allerdings hatte Anna große Schwierigkeiten, dem pinken, glibberigen Produkt der Firma Danone, das es zum Frühstück dazu gab, einen Joghurtcharakter abzugewinnen. Es ist unverkennbar, dass der polnische Geschmack viel (viel!) Zucker bevorzugt ;-)

Future Anna und Future Michael leben im obersten Stock!

Heute haben wir unsere erste Tour durch die Altstadt gemacht. Sie ist im zweiten Weltkrieg zerstört, aber inzwischen liebevoll wiederaufgebaut worden. Anna und ich haben ein Häuschen gesehen, in dem wir später unbedingt leben wollen (genau wie in Prag, wo der Pool auf dem Dach ist ;-) )!

Bevor wir es in dieses kleine (wirklich, wirklich kleine!) Internetcafé geschafft haben, sind wir noch am Obersten Gericht vorbeigekommen – für Michael ein reines Freudenfest, mit Trompeten und Sahne obendrauf!

Inschriften am Obersten Gericht

Entlang der ganzen Front des Gebäudes, bestimmt über 100 Meter lang, sind nämlich lateinische Aussprüche zu Recht und Rechtssprechung angebracht. Anna hat sich von Spruch zu Spruch – insgesamt bestimmt über 30 Stück – geduldig angehört, wie Michael sie übersetzt und kommentiert hat, und dabei den Spaß des Tages hatte! Zwei seiner liebsten Sprüche sind auf den Foto rechts zu sehen: “Wir werden niemanden gefangen haln, der nicht durch Recht verurteilt wurde” (links) und “Entfällt der Grund für ein Gesetz, so entfällt das Gesetz selbst” (rechts).

Nun machen wir uns wieder auf den Weg, denn zu zweit belegen wir 66 % der Internetzugänge in diesem Geschäft! Wir werden uns natürlich in ein paar  Tagen wieder melden.

Soweit also unser erstes Lebenszeichen aus der polnischen Hauptstadt! Bis bald :-)








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